LIPPSTÄDTER ZEITUNG – Der Patriot (22.01.2012)
„Lippstadt ist so was von ready!“
LIPPSTADT. – Viel Frau, viel Haar und unglaublich viel Stimme! So könnte man mit knappen Worten ein musikalisches Erdbeben beschreiben, das am Wochenende die Wände des Kasinos beinahe zum Wackeln brachte. Denn dort spielte Anne Haigis auf Einladung der Reihe „INkultur“. Eine Wiederholungstat — erst 2009 war die Sängerin dort gewesen. Damals versprach sie ihrem begeisterten Publikum nach der x-ten Zugabe, auf jeden Fall wiederzukommen.
Anne Haigis sang das Kasino förmlich in Grund und Boden
Eine Frau, ein Wort. Nun ist sie wieder da. Die Zuhörer auch. Denn der Saal im Kasino ist restlos ausverkauft. Anne Haigis kommt nicht allein. Mit dabei sind Gitarrist Jan Laacks und ihr neues Album „Wanderlust“. Wer nun gedanklich ein deutsches Volkslied trällert, der liegt komplett daneben. Wanderlust steht in diesem Fall für das amerikanische Wort nach Sehnsucht, nach Fernweh. Ein Gefühl, das einem die Haigis bereits mit dem ersten Lied „Out of the rain“ vermittelt.
Die Bühnenpräsenz der Sängerin ist gewaltig. Ihr Auftritt wirkt von der ersten Minute an authentisch und gefühlsecht. Und wenn es den Begriff „Rockröhre“ nicht schon gäbe, so müsste er für Anne Haigis glatt erfunden werden. Diese Frau könnte den Saal auch ohne Mikro (und mit frisch überstandener Bronchitis) in Grund und Boden singen, solch eine Kraft liegt in ihrer Stimme.
Eine Kraft — und scheinbar unendlich viel Gefühl. Beispielsweise bei „Nacht aus Glas“, einem Hit aus den neunziger Jahren. Den tieftraurigen Text schrieb das kölsche Urgestein Trude Herr kurz vor ihrem Tode, und Anne Haigis singt sich damit komplett unter die Haut.
Aber auch die Songs vom neuen Album haben es in sich, sind voller Seele, voller Blues — wie etwa „Paper Aeroplane“. „Jetzt aber raus aus der Depri!“, macht sich die Sängerin für den Stimmungswechsel bereit und rockt dann los mit einem beinahe schon fröhlichen „Life is wonderful“.
Wonderful ist auch das Zusammenspiel zwischen ihr und Gitarrist Jan Laacks. Wenn die beiden auf ihren Akustikgitarren loslegen, vermisst man weder Bass noch Schlagzeug. Das ist einfach handgemachte Musik vom Allerfeinsten.
Die Zuhörer gehen mehr und mehr mit, klatschen, singen, geben johlenden Applaus. „Are you ready?“, fragt die Haigis in den Saal und antwortet gleich selbst: „Lippstadt ist so was von ready!“ So gibt es denn auch Zugaben satt, und eine hat es besonders in sich: „Waltzing Mathilda“. Diesen Titel macht sich Anne Haigis derart zu eigen, dass man andere Interpretationen des Klassikers komplett vergisst.
Anne Haigis jedoch darf eines auf keinen Fall vergessen: das Wiederkommen!
(co)





