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Im Wechselbad der Emotionen / Anne
Haigis in der "Kulisse"
Rinteln. Ein paar leuchtende Kerzenhalter, das Lineup aus
akustischen Gitarren und einigen Barhockern und Mikrofonen: Mehr
Bühnenbild brauchte es im kleinen Saal der "Kulisse" nicht, um
den passenden Rahmen für den Auftritt von Anne Haigis mit Band
zu schaffen.

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Photo by tol
Überraschend der Einstieg in das
facettenreiche Programm: Wunderschöne Songs mit starkem
Folkappeal - höchst melodiös instrumentiert und mit chorischer
Unterstützung durch die Musiker Jörg Hamers (Bass), Kai Warszus
(Akkordeon) und Jens Filser (Mandoline und 12-string-Guitar).
Wunderschön, wie gesagt - und dennoch fühlt man sich zunächst im
falschen Film: Hat die Wahlkölnerin aus dem Schwabenland nicht
mit Wolfgang Dauner zusammen Jazz gemacht? Mit Musikern wie Eric
Clapton den Blues gesungen? Einen Song wie "Dancing in the fire"
von Melissa Etheridge auf den Leib geschrieben bekommen?
Bevor es
dann zu harmonisch wird, greift die Sängerin mit den tausend
quirligen Locken in die ganz alte Kiste - hin zu den deutschen
Balladen, mit denen sie in den achtziger Jahren Furore machte:
Da hören wir ein bewegendes "Kind der Sterne" von Wolf Maahn, da
folgt ein intensives "Haut für Haut", und man denkt
unwillkürlich an all' die Töchter und Söhne Mannheims, bei denen
Emotionen zu beliebigen Textgirlanden ohne jede inhaltliche
Präzision werden. "Mich gibt's ja nicht erst seit ein paar
Tagen", kommentiert sie solche Ausflüge in die eigene
Vergangenheit. Von gespenstischer Dramatik ihr Titel
"Heckenschützen der Angst" und für viele im Publikum wohl der
Höhepunkt des ersten Teils, ihre Interpretation der
Trude-Herr-Ballade "Nacht aus Glas", mit der sie zugleich eine
Künstlerin ehrt, die für viele immer nur auf die rheinische
Ulknudel reduziert wurde.
Nach der
Pause zunächst eine weitere Reduktion auf das Essenzielle: Anne
Haigis nur in Begleitung des Gitarristen Jens Filser, dabei
Gänsehaut erzeugend zwischen Blues und Rock, wobei manches von
diesen Liedern "aus postnataler Depression" mit
stimmakrobatischen Akzenten einer Janis Joplin oder auch einer
Nina Hagen durchaus auch als postcoitale Depression verstanden
werden könnte.
Wie
erholsam nach dieser Intensität die entspannte
Hippie-Reminiszenz an den "Sommer der Liebe".
Und wie
kraftvoll ihr mit Eric Burdon und Tony Carey aufgenommener Titel
"No man's land"! Dann wieder mal ein Haigis-Klassiker - auf
dringlichen Wunsch aus dem Publikum: "Immer wieder du", mit
ironischer Distanz vorgetragen, obwohl der Song dies eigentlich
nicht verdient hat.
Lebhafter
Beifall zum Finale: "The Hexenkessel of Rinteln", wie die
Künstlerin befriedigt feststellt.
Und, nach
einigen Zugaben ganz und gar unplugged, sitzen Sängerin und
Musiker plötzlich auf ihren Hockern im Saal und verbreiten die
intime Atmosphäre eines "after Show"-Intermezzos im Wechsel mit
den Zuhörern.
Ein
gelungener Abend, das ganz sicher. Schade für Frau Haigis, aber
ein Geschenk für das begeisterte Auditorium, dass es mit dem
Brückentorsaal nicht geklappt hat.
(Ulrich
Reineking)
Quelle:
Schaumburger Zeitung vom 14.11.2005
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