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Die Sängerin und ihr Gitarrist
werden vom Publikum erst nach etlichen Zugaben entlassen.
Freising. Wer Musik aus der
Konserve verschmäht, war mit einem Besuch im Lindenkeller am
Samstag richtig beraten. Anne Haigis & Acousticband waren zu
Gast und brachten hochklassige Live-Musik in bester
Songwriter-Manier zu Gehör. Das Publikum war vom Sound der neuen
CD '8:00 pm' begeistert und wollte seine Helden zum Schluss
überhaupt nicht mehr gehen lassen.
An alles hat
man gedacht, als der Trip nach Amerika geplant wurde. Sogar der
Leihwagen, mit dem die legendäre "Route 66" jetzt bereist werden
soll, wurde im voraus gebucht - jetzt fehlt ausgerechnet Zubehör
für den Kassettwnteil des Autoradios. Zum Glück hat jemand
einen der Tonträger im Handschuhfach vergessen. Anne Haigis?
Nicht bekannt, aber reinhören schadet ja nicht. Nein, schadet
überhaupt nicht. Im Gegenteil, besser könnte Musik gar nicht
zum entspannten Gleiten über den Highway passen. 'You can sleep
while I drive' singt Haigis ausdrucksvoll. Jens Filser, die
Ein-Mann-Acoustic-Band reichert den vollen Klang ihrer Stimme
mit filigranem Gitarrenspiel an. Zweimal wird der Song
zurückgespult, so schön ist seine Melodie, so leicht macht er
die Reise durch die landschaftliche Weite. Erst dann wird er
durch 'No mans land' abgelöst und jetzt weiß man auch, das
Zurückspulen war unnötig. Auch dieses Duett ist sensationell.
Ein Dialog mit
einem Zuschauer holt einen zurück ins Unterhaus. Der kurze
Abstecher ins Reich der Träume ist kein Zufall. Anne Haigis will
Emotionen wecken, sie will, dass ihre Fans weinen und dabei
spielt es keine Rolle, ob vor Traurigkeit oder Glück. Auf der
Bühne sorgen Kerzen für Romantik und es war verwunderlich, dass
die Gäste nicht ihre Feuerzeuge anknipsten und im Takt hin und
her schwenkten. Die seit den siebziger Jahren etablierte
Künstlerin singt getragene Balladen oder eingängigen Pop, und
stets sind die Melodien wunderschön
und ihr Job macht ihr einen enormen Spaß, selten sieht man
Sänger so oft aus vollem Herzen lachen.
Als sich das
Duo zum ersten Mal verabschieden will, macht das relativ kleine
Auditorium so viel Lärm wie ein ganz großes. Laut rufend fordern
die Zuhörer eine Zugabe und dafür bedanken sich die Musiker mit
einem weiteren Höhepunkt. Eine starke Coverversion von 'One of
us' (Joan Osbourne) erklingt und die Menge verharrt in
Ehrfurcht, wenn Haigis mit ihrer Stimme im Wechsel an die '4 non
blondes' oder an Melissa Etheridge erinnert. Der zweite Versuch,
die Bühne zu verlassen, scheitert erneut an der Euphorie der
Fans. Bei der letzten
Zugabe des Abends ließ sich Haigis selbst überraschen: "Mal
sehen, was der Jens noch auf Lager hat. Aber ich merk schon, ihr
wollt klatschen." Jens Filser baute flugs um und zelebrierte den
Blues. Das Publikum klatschte begeistert mit. Danach flüchteten
Anne Haigis und Jens Filser regelrecht von der Bühne - sonst
hätten sie wohl noch am Sonntag Zugaben spielen müssen.
(Matthias Vogel)
Quelle: Süddeutsche Zeitung vom
10.10.2005
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