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Anne Haigis und Jens
Filser begeistern mit Blues aus dem Schwabenland
POTSDAM
/ INNENSTADT - Wer Anne Haigis schon vergessen hatte
und nur mal hören wollte, ob sie’s noch kann, wurde am
Freitagabend im Nikolaisaal Augen- und Ohrenzeuge einer
Offenbarung: In der Gemeinschaftsveranstaltung von RBB
Kulturradio und Nikolaisaal, „the voice in concert“, trat
ein Duo ins Foyer, das von Pop über Jazz bis Blues und Gospel
alles drauf hat und reifer ist denn je: Anne Haigis und ihr
Melodiegitarrist Jens Filser.
Die Anfänge
der Haigis-Karriere liegen in den frühen 70er Jahren. Mit der
Flucht aus der Schule in Rottweil am Neckar, bei der sie eine
Kurvendiskussion im Mathe-Unterricht eindeutig der Jazzmusik in
Stuttgarter Clubs unterordnete, schaffte Anne über St. Tropez
den Sprung über den großen Teich in die Heimat des Jazz und
dessen spezieller Ausprägung im Blues.
„Good Day
for the Blues“ lockte mehr Leute an, als das Foyer samt
Galerie am Freitag fassen konnte. Einige Zusatzstühle
verhinderten, dass auch nur ein Haigis-Fan stehen musste.
Bereits im ersten Song wurde die Klasse dieses Duos offenkundig.
In „Dance in the fire“ setzte Haigis treffsicher ihre
rauchige Bluesstimme ein; virtuos umspielte Filser den Gesang.

Nach
Meinung der Sängerin sollen „die Leute entweder heulen oder
glücklich sein. Am besten beides“. Geheult wurde weniger,
doch die Stimmung steigerte sich beständig vom rhythmischen Fußklopfen
und gelegentlichen Mittanzen bis zum ausgelassenen Johlen und
Pfeifen. Der Abend wurde eine Retrospektive aus beinahe vierzig
Jahren Jazzgesang. Hier hatte der Song von Wolf Maahn, „Sie
war ein Kind der Sterne“, der in den frühen 80ern für Haigis
geschrieben wurde, ebensolche Bedeutung wie Ausschnitte aus der
Gedenkrevue zum 5. Todestag von Trude Herr aus dem Jahre 1996
mit deren Liedern „Papa“ und „Nacht aus Glas“. Haigis
ist stilistisch nicht nur am Blues auszumachen, auch Soul,
Swing, Gospel oder Spirituals zählen zum Repertoire. Der
Rolling-Stones-Titel „You got the silver“ ist bei ihr so gut
aufgehoben wie der temperamentvoll und einmalig gesungene Blues
„Thing called love“, und dass sie dabei unauffällig, aber
Harmonie-sicher Gitarre spielt und nur die virtuose Umspielung
dem Partner überlässt, zeugt vom großen Talent dieser Sängerin.
Deutschsprachiges
hatte immer Bedeutung, und nicht nur die Trude-Herr-Hommage
zeugte davon, sondern auch das Lied über den sprachlosen Mann,
der nur schweigsam neben seiner Frau verweilt oder die
Lessing-Ringparabel „Jeder wie er möchte“, die zu einer
anderer Toleranz in Sachen Religion aufforderte. In der anschließenden
CD-Signierstunde ging dann der Plattenvorrat aus, und das trotz
eines Dutzends Alben, die Haigis schon veröffentlicht hat.
(Matthias Müller)
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