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BÜTTELBORN. Wir erfahren, dass sie nie geheiratet hat. Ihr Motto
nach einem – leicht abgewandelten – Hit von Bobby McFerrin: „Don’t
marry, be happy“ (heirate nicht, sei glücklich). Und dann
bekommen wir brühwarm erzählt, dass sie doch ein bisschen
bereue, sich von ihrem bislang letzten Lebensabschnittsgefährten
getrennt zu haben. Denn „der konnte wirklich alles im Haushalt“,
verrät Anne Haigis mit einem schelmischen Grinsen.
Eigentlich
hat die Sängerin und Liedermacherin ja nur ihren Song „Haut für
Haut“ ansagen wollen. Aber da es in diesem Stück um Trennung
geht und die 53 Jahre alte Schwäbin bei diesem Thema, wie sie
selbstironisch anmerkt, jede Menge Erfahrung hat, plaudert sie
einfach drauflos. Aber dann rät sie ihrem Publikum im Café
Extra, ihr weniger das Gesagte denn das Gesungene zu glauben.
Denn sie habe eine „große Gosch und nix dahinter“.
Vermutlich
könnte Anne Haigis auch als humorvolle Erzählerin ein
abendfüllendes Programm gestalten – dann aber würde man ihren
aufregenden Gesang verpassen. Diese Stimme! Mal gewaltig, mal
säuselnd, mal brüllend wie ein Löwe, mal schnurrend wie ein
Hauskätzchen, mal kratzbürstig, mal liebevoll hauchend, mal
überschäumend lebensfroh, mal jammernd. Im Blues hat Anne Haigis
die Spielwiese gefunden, auf der sie diese außergewöhnliche
Wandlungsfähigkeit zelebrieren kann. Und das tat sie am
Freitagabend im Café Extra ausgiebig.
Für ihr
Bluesprogramm braucht die Protagonistin keine Band, eine
minimale Instrumentierung reicht für maximale Wirkung. Begleitet
vom fulminanten Gitarristen Jens Filser, der auf den Saiten
einen genauso großen Klangkosmos zu erschließen vermag wie
Haigis mit den Stimmbändern, spielt die Sängerin aus der Tiefe
ihres Rachens auf der Gefühlsklaviatur. Auch instrumental
harmoniert das Duo. Flitzefinger Filser ergänzt Anne Haigis auf
der Rhythmusgitarre. „Im Duo kann ich noch mehr in meine
Lieblingslieder eintauchen und mich treiben lassen“, hat die
einstige Rockröhre in einem früheren Interview gesagt.
Die schwarze
Kleidung der Sängerin passt zu ihrer dunklen Stimme, mit der sie
auch – wenn der Text es erfordert – eine düstere Atmosphäre
kreieren kann. Dann etwa, wenn sie typische Blues-Songs von
Menschen singt, die völlig erledigt, eben ganz unten sind. Da
wirkt ihr rauchgeschwängertes Organ wie ein vokales Äquivalent
zum Dreckigen unterm Fingernagel. Aber sie kann auch anders.
Ganz anders. In „Nacht aus Glas“ singt sie zur melancholischen
Musik von Elton John einen Text von Trude Herr (1927 bis 1991),
den die als Sängerin und Komödiantin bekannt gewordene Kölnerin
kurz vor ihrem Tod geschrieben hat. Es geht um den nächtlichen
Todeskampf eines sterbenskranken Menschen. In einer Textzeile
heißt es: „Ich wüte, ich bete, ich hab’ mich aufgegeben.“
Vermutlich habe Trude Herr in diesem lyrischen Drama ihre Ängste
verarbeitet, meint Anne Haigis.
Ganz so
tragisch erging es Haigis in den Tagen zuvor nicht, aber ihre
Rückenschmerzen waren ihr unangenehm genug. Eine
Naturheilkundlerin habe sie behandelt, erzählt die Sängerin, um
dann mit Schwung die Kurve von der Malaise zur Musik zu nehmen.
Es folgt nämlich ein rockiger Blues-Song im Südstaatensound.
Wie ist
Haigis jüngste CD doch gleich betitelt?
„Good Day for the Blues“ (guter Tag für den Blues).
Das Konzert
am Freitag war ein guter Abend für den Blues.
(Dirk Winter)
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