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Viel Gänsehaut in der Music Hall bei Anne Haigis sehr intimem
Akustik-Konzert
WORPSWEDE. Als "brutal persönlich" würde man wohl in der
schwäbischen Heimat von Anne Haigis einen solchen Konzertabend
bezeichnen. Wobei "brutal" nichts mit Aggression zu tun hat,
sondern vielmehr als größtmöglich Steigerungsform zu verstehen
ist: der Ländle-Superlativ sozusagen. Ein solcher kann auch für
die Sängerin selbst gelten, denn nach einer anderen Vokalistin
mit vergleichbaren Fähigkeiten sucht man nicht nur in
süddeutschen Gefilden vergebens.
Genau diese Mischung aus absolut professionellem Können und fast
privater Atmosphäre kennzeichnen ihren Auftritt in der Music
Hall. "Good Day For The Blues" heißen das aktuelle Album und
Tour der 52-Jährigen. Allerdings verstehen sie und Gitarrist
Jens Filser dass nicht allzu wörtlich. Sie haben ein Repertoire
aus Blues, Balladen und Rocksongs zusammengestellt, das sowohl
eigene Lieder als auch Coverversionen enthält, teils in
deutscher, teils in englischer Sprache gesungen.
So wechseln sich in einem dramaturgisch sehr schlüssigen und
abwechslungsreichen Programm kraftvollere Nummern mit
feinfühligeren ab, dazwischen kommt Haigis immer wieder ins
"Schwätzen" und führt auf ihre ungezwungene, natürliche und
absolut glaubwürdige Art so durch den Abend, als ob sie gute
Freunden zur Hausmusik geladen hätte. Intimer ist eine
Konzertsituation nicht zu gestalten.
Im krassen oder eben "brutalen" Gegensatz dazu stehen die
professionellen musikalischen Möglichkeiten der beiden
Protagonisten. Anne Haigis beschränkt sich auf ihrer Gitarre auf
begleitende Akkorde und stellt natürlich ihre voluminöse Stimme
in den Mittelpunkt. Ihr großer Stimmumfang, die Präzision ihrer
Intonation und die variantenreichen Phrasierungen sind ein
wahrer Genuss. Anders als ähnlich gesegnete Sängerinnen, wie
beispielsweise Whitney Houston, geht es Haigis aber nie darum,
mit ihren Möglichkeiten zu prahlen. Sie will nicht alle Töne
ihrer großen Skala in einen Song legen, sondern sie setzt
zielsicher genau das ein, was an Ausdruck notwendig ist, um die
Stimmung der Kompositionen auf den Punkt zu bringen. Dass sie
dabei aus dem Vollen schöpfen kann, bleibt niemanden verborgen.
Gleiches gilt für Jens Filser, der auch ausschließlich
akustische Gitarren spielt und hier und da Harmoniegesang
beisteuert. Insbesondere sein zwölfsaitiges Instrument hat einen
satten Klang, der von kraftvollen Tiefen bis in brillante Höhen
reicht, die der Tontechniker sehr dynamisch und raumgreifend
darzustellen vermag.
Den Reiz dieser äußerst spartanischen Voraussetzungen können die
beiden Musiker durch ihre Virtuosität in immer wieder neuen
Facetten hervorkitzeln. Ihnen gelingen absolute Gänsehautmomente
wie in Sheryl Crows "Run, Baby Run" oder vor allem in "Nacht aus
Glas", einer Elton John-Adaption von Trude Herr. Der ergreifende
Text, der ja eigentlich für leichte Unterhaltung bekannten
Kölnerin erzählt von ihrer Angst vor dem Tod.
Danach ziehen Haigis und Filser das Tempo wieder an, wechseln zu
einigen erdverbundenen Bluesnummern oder spielen Songs von Joan
Osbourne oder eine grandiose Version von Jimi Hendrix’ "Little
Wing". Entsprechend groß sind der Jubel bei ihrem Abgang und die
Dankbarkeit des Publikums für einen hochklassigen und
berührenden Liederabend.
(Lars
Fischer)
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