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Anne Haigis - Interview
 

INTERVIEW 2009                                                                  Home > Presse/Veranstalter > Presseartikel

 

     
 

"Heutzutage kann man alles mixen"

In Helmbrechts begeistert Anne Haigis bei zwei Konzerten. Die seit Jahrzehnten erfolgreiche Musikerin spricht über Spontaneität und Vielseitigkeit.

Frau Haigis, schon als junges Mädchen haben Sie davon geträumt, Musikerin von Beruf zu werden. Haben Sie für die Erfüllung dieses Traumes kämpfen müssen?


 

(Anne Haigis lacht laut auf) Ja, klar. Ich war ja noch ganz jung. Erst sechzehn. Da habe ich entdeckt, dass ich Sängerin werden möchte. Natürlich habe ich dafür kämpfen müssen, denn meine Eltern haben nicht gesagt: Kind, jetzt geh’ du mal ruhig in die große weite Welt und werde Sängerin. Damals, in den siebziger Jahren, war das schon ein sehr mutiger Schritt. Manchmal denke ich heute noch: Mein Gott, wie hast du das eigentlich durchgezogen? Aber ich habe total dafür gekämpft. Es ging ja auch nicht gleich rucki-zucki-alles-dufte. Das war ja eine Entwicklung.

Der erste Schritt war von Rottweil, wo Sie aufgewachsen sind, nach Stuttgart?

Genau. Dort habe ich mit einer Band angefangen, in Ami-Clubs zu spielen. Jahre später erst habe ich zum ersten Mal in einem Jazz-Club gespielt, weil mich eine Rock-Jazz-Band damals gefragt hat, ob ich ein Lied mit ihnen singen möchte. Und später, ob ich ganz bei ihnen einsteigen möchte. Da ging es eigentlich erst richtig los. Und dann hat mich irgendwann einmal der Wolfgang Dauner entdeckt. Das war die klassische Entdeckung der Anne Haigis, sozusagen.

Seit dieser Zeit haben Sie den Beinamen „Die Stimme“. Empfinden Sie das als Auszeichnung?

Ja. (Anne Haigis lacht.) Klar.

Wie haben Sie sich diese fantastische Stimme erarbeitet?

Ach, indem ich einfach singe. Ich denke gar nicht so viel drüber nach. Gesangsunterricht habe ich nie gehabt, es war immer „learning by doing“, meistens direkt auf der Bühne. Da habe ich eben einfach gemacht, ohne viel nachzudenken. Viele Leute, die eine solche Karriere anstreben, sagen ja: Da nehme ich erst einmal Gesangsunterricht. Das ist meiner Meinung nach ganz falsch. Heutzutage gibt es doch unglaublich viele Talente, wenn man nur mal schaut, was bei den ganzen Casting-Shows so rumfleucht. Da gibt es welche, die wirklich gut singen. Vielleicht gab es die damals auch schon, es war möglicherweise nur die Plattform nicht da.

Ist es heute also leichter, seinen Weg zu machen, wenn man das entsprechende Talent hat?

Die Teenies heute hören einfach mehr Musik, haben auch im Vergleich mehr Freiheit, bei einer Band mitzusingen, oder so. Außerdem sind da ja auch ganz oft junge Leute dabei, die aus einem Kultur-Mix stammen und diese Spannung auch transportieren können. Viele sind nicht Nur-Deutsche, sondern haben Elternteile, die von woanders her stammen. Ich finde, die singen oft am besten. Wobei: Ich bin ja kein Mix, bestenfalls nur ein Schwaben-Mix. (Anne Haigis lacht.)

Ihre beiden Kulturwelten-Konzerte in Helmbrechts sind seit langem ausverkauft. Und auch sonst ist das bei Ihnen oft so, dass Sie vor ausverkauften Sälen singen. Worauf führen Sie das zurück?

Auf die Kontinuität. Außerdem glaube ich, dass das Konzept mit dem Anne-Haigis-Duo sehr gut funktioniert. Das machen wir ja noch gar nicht so lange, der Jens Filser und ich. Erst seit 2005, vier Jahre jetzt. Wir spielen einfach wahnsinnig viel, das ist das A und O. Ich sehe das Auf-der-Bühne-Stehen auch als meinen Beruf. Platten mache ich, weil man die machen muss, um dann live spielen zu können. Es ist nicht meine Leidenschaft, im Studio zu arbeiten. Manchmal schon, aber meine Hauptleidenschaft ist das nicht. Die ist es, auf der Bühne zu stehen, so wie hier.

Der direkte Kontakt zum Publikum beim Live-Konzert ist Ihnen also das Allerwichtigste?

Ja, auf jeden Fall. Das ist für mich ganz wichtig.

Freut es Sie noch, wenn ausverkauft ist...

Natürlich.

... oder ist das schon eine Selbstverständlichkeit?

Nein, gar nicht. Obwohl es gerade dieses Jahr wirklich sehr gut läuft.

Wie viele Konzerte spielen Sie denn pro Jahr?

So sechzig. Das ist gar nicht so viel, aber mir reicht das, ehrlich gesagt.

Sie möchten dem Publikum Emotionen entlocken. Tränen oder Glücksgefühle?

Beides. Auf jeden Fall beides. Das wird man heute Abend wieder sehen. Da werden manchmal schon die Taschentücher gezückt. Wir haben da einige Songs im Repertoire, die einfach sehr ergreifend sind. Zum Beispiel die beiden Lieder von Trude Herr, die ich singe: Das ist für viele schon etwas Besonderes; je nachdem, welche Beziehung die Leute auch zu ihren Eltern haben oder hattten, fließen da manchmal schon die Tränchen.

Wie sind Sie ausgerechnet auf Trude Herr gekommen?

Ich wurde damals gefragt, ob ich bei dieser Gedenk-Revue für sie mitmachen möchte, und man hat mir diese beiden Lieder vorgeschlagen.

Gerade „Nacht aus Glas“ ist ja ungemein traurig und ergreifend...

Das passt auch gut zu mir. Ich bin ja eher eine Melancholikerin. Natürlich bin ich manchmal auch lustig und rede Quatsch daher - auch auf der Bühne, weil ich das ja alles spontan mache, ohne mir das vorher zu überlegen. Aber die Songs die wir spielen, sind schon teilweise sehr schwer, doch. Diese fröhlichen Lalala-Liedchen, das ist nicht so meine Welt.

Die achtziger Jahre waren für Sie eine kommerziell sehr erfolgreiche Phase. Damals haben Sie ausschließlich deutschsprachige Songs präsentiert. War das für Sie eine besonders glückliche Zeit?

Nein. Ich finde die Zeit heute eigentlich schöner. Ich bin jetzt glücklicher. Weil – erstens – heute alles in meiner Hand liegt; weil ich – zweitens – heute alles viel bewusster mache als früher. In den Achtzigern steckte ich in der Musikindustrie wie in einer Maschinerie. Da habe ich nicht gewusst, wo kommen die Konzerte her, wie kommt es hierzu und dazu. Heute gibt es Städte, da weiß ich: Jedes Plakat, das hier hängt, habe ich selber aufgehängt. Ich mache jetzt alles selber: mein Management, mein Booking. Dann freue ich mich natürlich umso mehr, wenn ein Laden ausverkauft ist.

In den Neunzigern haben Sie dann mit englischsprachigen Songs etwas ganz anderes gemacht. War diese Vereinnahmung durch die Industrie ein Grund dafür?

Nein, gar nicht. Das hatte damit nichts zu tun. Ich wollte einfach nicht mehr so auf das Deutsch-Singen reduziert werden. Ich hatte vier deutschsprachige Alben gemacht, aber eben dann auch viele bluesige Sachen gesungen. Deshalb sagte ich: „Leute, das geht nicht. Ich kann hier nicht weiter. Mein Weg ist hier zu Ende.“ Ich wollte etwas anderes machen. Ich bin eben in erster Linie Interpretin. Nicht wie zum Beispiel Ulla Meinecke, die mit der Musik ausschließlich ihre Texte transportiert. Bei mir ist es anders. Ich möchte auch stilistisch nicht einsilbig fahren.

Sie machen ja so viel. Was ist denn Ihr liebster Musikstil?

Da bevorzuge ich nichts. Ich finde Country-Sachen oft ganz spannend, aber eben nicht nur.

Sie stehen seit dreißig Jahren auf der Bühne. Da gibt es sicher ergreifende Momente. Ich denke da ganz speziell an den Auftritt beim Anti-WAA-Festival in Wackersdorf...

Allerdings!

... vor 100.000 Zuschauern auf der Bühne. Ist das ein Gänsehaut-Gefühl?

Das war der Wahnsinn! Das haben wir ja alle nicht geglaubt, was da abgeht. Es war auch vorher überhaupt nicht abzusehen, dass da so viele Leute kommen. Damit hat doch niemand gerechnet, auch die Veranstalter nicht. Das war gigantisch. Wir waren im Hotel und sind dann zu unserem Auftritt gefahren und ... Wahnsinn! Man kam ja gar nicht mehr durch. Das war irre. Wackersdorf war auf jeden Fall für mich ein absoluter Höhepunkt in meiner Laufbahn. Das hatte von der ganzen Stimmung her so etwas ... Jungfräuliches, wirklich. Es war ein Mini-Woodstock. So viele Leute. Auch mit den Kollegen war es nett. Einfach gigantisch. Waren Sie auch dort?

Ja. Ich kann mich noch erinnern, wie Sie da oben standen, gegen Abend, an die Stimmung, das Licht...

Genau. Sonntagabend um 18 Uhr haben wir gespielt. Das weiß ich noch. Es war unglaublich heiß. Ich hatte vor lauter Aufregung vorher eine halbe Flasche Sekt getrunken. Danach bin ich von der Bühne gekommen und mir war es so heiß, dass ich meinen Kopf ... (Anne Haigis lacht.) Da stand so eine Tonne mit Eis und da habe ich einfach mal mein Gesicht reingesteckt. (Anne Haigis lacht.) Es war unglaublich heiß, aber wir waren natürlich auch wahnsinnig aufgeregt. Obwohl ja schon am Samstag mit dem Wolfgang Niedecken gesungen hatte und mit Wolf Maahn. Ich hatte also schon zwei Mal vorher auf dieser Bühne gestanden. Aber an diesem Sonntagabend um 18 Uhr... Das war ganz toll. Neulich habe ich mir auch den Film noch mal angeguckt ... Unglaublich.

Heinz König, der Helmbrechtser Kulturwelten-Macher, zeigt in seinem Konzert-Vorspann auch immer einen kurzen Film von Ihnen. Das könnte da gewesen sein.

Ist es auch! Den Ausschnitt hatte ich ihm geschickt.

Die Musik jener Zeit wird heute als „Polit- und Befindlichkeitsrock“ verhöhnt. Können Sie das verstehen?

Also wirklich: Das finde ich ganz blöd! Eine wirklich doofe Aussage. Damit kann ich nichts anfangen. Es war eine super-geile Zeit. Das war doch toll. Solchen Quatsch schreiben wohl irgendwelche Musikredakteure, die nicht ertragen können, dass sie älter werden.

Das stand im Feuilleton vom „Spiegel“...

Na und? Das können Sie ruhig schreiben. Saublöd, wirklich. Außerdem: In einer bestimmten Szene haben die Bands doch heute genauso eine Message wie früher. Die haben doch auch was zu sagen. Also wenn Xavier Naidoo und die Söhne Mannheims keine Message haben, dann weiß ich auch nicht, oder? Und die vielen anderen Bands, die wir teilweise wahrscheinlich gar nicht kennen. Auch Silbermond, Juli, Wir sind Helden: Die machen doch keine belanglosen Texte. Ich habe damals auch nichts Intelligenteres gesungen als die jetzt. Ich habe auch keine politischen Texte gesungen. Es war nur die Zeit, in der es viel mehr solche Veranstaltungen gab. Aber ich habe nichts Politisches gesungen. Deshalb wurde ich ja so gerne ins Fernsehen eingeladen, weil ich nicht so politisch war. Eine Ina Deter haben die Programmmacher damals nicht gerne genommen. Lächerlich, oder? Völlig lachhaft. Immer diese Schubladen. Das mag ich gar nicht, damit kann ich nichts anfangen.

Gibt es neue Projekte, die Sie verwirklichen wollen?

Ich möchte eine neue CD aufnehmen. Das ist mir Projekt genug. Das wird jetzt in Angriff genommen.

Was kommt da drauf? Wissen Sie das schon?

Vielleicht ein bisschen was Deutsches, mal zwischendurch. Das kann man ja heutzutage alles mixen. Ich lasse mich da auch nicht mehr einschränken. Es gibt doch heutzutage diese Konzept-Alben gar nicht mehr. Ich muss das nicht machen. Ich mache ein Album, weil die Leute nach dem Konzert die CD kaufen möchten. Und die wollen das hören, was ich auf der Bühne gesungen habe. Deshalb kann ich das schön mischen: was Bluesiges, ruhig was Deutsches... Schaun mer mal, was da zusammenkommt.

Das letzte Blues-Album „Good Day For The Blues“ ist ja recht erfolgreich gewesen.

Es wurde sehr gut angenommen, doch. Mein Klientel sind ja die Leute von - sagen wir mal - Mitte Dreißig aufwärts. Das Schöne ist ja, dass heute Leute in meinem Alter, aber auch etwas jünger und etwas älter, alle nicht so sind, wie unsere Eltern waren. Damals hat man doch ab fünfzig nichts mehr gemacht. Jetzt geht man in Konzerte, immer noch. Das hat diese Generation in ihrer Jugend gemacht, und sie macht es weiter. Diese Generation hat ein ganz anderes Bewusstsein gegenüber Musikern, die live spielen. Die Leute gehen gerne in Konzerte. Und das ist super.

Für das neue Album wird die Duo-Besetzung bleiben?

Ja. Ich spinne zwar manchmal ein bisschen rum, aber: Ja. Neulich habe ich mal einen tollen Geiger gehört und gedacht: Hmmm, das wär’ auch schön. Also Jens und ich - und eine Geige noch dazu. Könnte schon sein, das ich da ein bisschen was mache. Ich vermisse natürlich auch meine anderen beiden Jungs, meinen Bassisten und meinen Akkordeonspieler. Das war auch eine ganz tolle Besetzung. Aber: Das Duo läuft jetzt gerade so gut. Wir müssen einfach mal gucken...

Wie ist eigentlich Ihr Kontakt mit den Helmbrechtser Kulturwelten zu Stande gekommen?

Da habe ich Kontakt aufgenommen.

Sie hatten davon gehört?

Ja, von meinem lieben Kollegen Franz Benton. Der war ja schon zwei Mal hier. Der hat mir das erzählt. Der Franz spielt heute übrigens in Coburg, das ist doch gar nicht weit von hier, oder?

Unter Musikern ist das Kulturwelten-Programm mittlerweile schon ein kleiner Geheimtipp, oder?

Ja, alle sagen, hier ist es super. Und es läuft ja auch total gut. Natürlich unterhält man sich und guckt auch: Wo spielen die Kollegen? So kommt man eben auf Dinge, die auch zu einem selber passen. Das ist das Tolle am Internet: Da hat man heutzutage mit ein paar Klicks alles da. Früher war das nicht so einfach. Da musste man erst mal einen „Ansprechpartner“ suchen. Und rauszukriegen, an wen man sich wenden muss, war oft richtig schwierig.

Dann wünschen wir Alles Gute für heute Abend. Und wie es Ihnen selbst in Helmbrechts gefallen hat, fragen wir dann hinterher.

Na super. Alles klar.

(Nach dem gut zweieinhalbstündigen Konzert steht Anne Haigis auf der Bühne des Textilmuseums, vor ihr huldigt ihr eine jubelnde Menge mit stehenden Ovationen. Haigis strahlt: „Es war wunderschön bei Euch“)

Das Gespräch führte Andrea Herdegen.

   
       

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                                                                Update by MaKe-Design  12.12.2009