|
(Anne Haigis lacht laut auf) Ja,
klar. Ich war ja noch ganz jung. Erst sechzehn. Da habe ich
entdeckt, dass ich Sängerin werden möchte. Natürlich habe ich
dafür kämpfen müssen, denn meine Eltern haben nicht gesagt:
Kind, jetzt geh’ du mal ruhig in die große weite Welt und
werde Sängerin. Damals, in den siebziger Jahren, war das schon
ein sehr mutiger Schritt. Manchmal denke ich heute noch: Mein
Gott, wie hast du das eigentlich durchgezogen? Aber ich habe
total dafür gekämpft. Es ging ja auch nicht gleich
rucki-zucki-alles-dufte. Das war ja eine Entwicklung.
Der
erste Schritt war von Rottweil, wo Sie aufgewachsen sind, nach
Stuttgart?
Genau. Dort habe ich mit einer
Band angefangen, in Ami-Clubs zu spielen. Jahre später erst
habe ich zum ersten Mal in einem Jazz-Club gespielt, weil mich
eine Rock-Jazz-Band damals gefragt hat, ob ich ein Lied mit
ihnen singen möchte. Und später, ob ich ganz bei ihnen
einsteigen möchte. Da ging es eigentlich erst richtig los. Und
dann hat mich irgendwann einmal der Wolfgang Dauner entdeckt.
Das war die klassische Entdeckung der Anne Haigis, sozusagen.
Seit
dieser Zeit haben Sie den Beinamen „Die Stimme“. Empfinden
Sie das als Auszeichnung?
Ja. (Anne Haigis lacht.)
Klar.
Wie
haben Sie sich diese fantastische Stimme erarbeitet?
Ach, indem ich einfach singe.
Ich denke gar nicht so viel drüber nach. Gesangsunterricht habe
ich nie gehabt, es war immer „learning by doing“, meistens
direkt auf der Bühne. Da habe ich eben einfach gemacht, ohne
viel nachzudenken. Viele Leute, die eine solche Karriere
anstreben, sagen ja: Da nehme ich erst einmal Gesangsunterricht.
Das ist meiner Meinung nach ganz falsch. Heutzutage gibt es doch
unglaublich viele Talente, wenn man nur mal schaut, was bei den
ganzen Casting-Shows so rumfleucht. Da gibt es welche, die
wirklich gut singen. Vielleicht gab es die damals auch schon, es
war möglicherweise nur die Plattform nicht da.
Ist es
heute also leichter, seinen Weg zu machen, wenn man das
entsprechende Talent hat?
Die Teenies heute hören einfach
mehr Musik, haben auch im Vergleich mehr Freiheit, bei einer
Band mitzusingen, oder so. Außerdem sind da ja auch ganz oft
junge Leute dabei, die aus einem Kultur-Mix stammen und diese
Spannung auch transportieren können. Viele sind nicht
Nur-Deutsche, sondern haben Elternteile, die von woanders her
stammen. Ich finde, die singen oft am besten. Wobei: Ich bin ja
kein Mix, bestenfalls nur ein Schwaben-Mix. (Anne
Haigis lacht.)
Ihre
beiden Kulturwelten-Konzerte in Helmbrechts sind seit langem
ausverkauft. Und auch sonst ist das bei Ihnen oft so, dass Sie
vor ausverkauften Sälen singen. Worauf führen Sie das zurück?
Auf die Kontinuität. Außerdem
glaube ich, dass das Konzept mit dem Anne-Haigis-Duo sehr gut
funktioniert. Das machen wir ja noch gar nicht so lange, der
Jens Filser und ich. Erst seit 2005, vier Jahre jetzt. Wir
spielen einfach wahnsinnig viel, das ist das A und O. Ich sehe
das Auf-der-Bühne-Stehen auch als meinen Beruf. Platten mache
ich, weil man die machen muss, um dann live spielen zu können.
Es ist nicht meine Leidenschaft, im Studio zu arbeiten. Manchmal
schon, aber meine Hauptleidenschaft ist das nicht. Die ist es,
auf der Bühne zu stehen, so wie hier.
Der
direkte Kontakt zum Publikum beim Live-Konzert ist Ihnen also
das Allerwichtigste?
Ja, auf jeden Fall. Das ist für
mich ganz wichtig.
Freut
es Sie noch, wenn ausverkauft ist...
Natürlich.
...
oder ist das schon eine Selbstverständlichkeit?
Nein, gar nicht. Obwohl es
gerade dieses Jahr wirklich sehr gut läuft.
Wie
viele Konzerte spielen Sie denn pro Jahr?
So sechzig. Das ist gar nicht so
viel, aber mir reicht das, ehrlich gesagt.
Sie
möchten dem Publikum Emotionen entlocken. Tränen oder
Glücksgefühle?
Beides. Auf jeden Fall beides.
Das wird man heute Abend wieder sehen. Da werden manchmal schon
die Taschentücher gezückt. Wir haben da einige Songs im
Repertoire, die einfach sehr ergreifend sind. Zum Beispiel die
beiden Lieder von Trude Herr, die ich singe: Das ist für viele
schon etwas Besonderes; je nachdem, welche Beziehung die Leute
auch zu ihren Eltern haben oder hattten, fließen da manchmal
schon die Tränchen.
Wie
sind Sie ausgerechnet auf Trude Herr gekommen?
Ich wurde damals gefragt, ob ich
bei dieser Gedenk-Revue für sie mitmachen möchte, und man hat
mir diese beiden Lieder vorgeschlagen.
Gerade
„Nacht aus Glas“ ist ja ungemein traurig und ergreifend...
Das passt auch gut zu mir. Ich
bin ja eher eine Melancholikerin. Natürlich bin ich manchmal
auch lustig und rede Quatsch daher - auch auf der Bühne, weil
ich das ja alles spontan mache, ohne mir das vorher zu
überlegen. Aber die Songs die wir spielen, sind schon teilweise
sehr schwer, doch. Diese fröhlichen Lalala-Liedchen, das ist
nicht so meine Welt.
Die
achtziger Jahre waren für Sie eine kommerziell sehr
erfolgreiche Phase. Damals haben Sie ausschließlich
deutschsprachige Songs präsentiert. War das für Sie eine
besonders glückliche Zeit?
Nein. Ich finde die Zeit heute
eigentlich schöner. Ich bin jetzt glücklicher. Weil –
erstens – heute alles in meiner Hand liegt; weil ich –
zweitens – heute alles viel bewusster mache als früher. In
den Achtzigern steckte ich in der Musikindustrie wie in einer
Maschinerie. Da habe ich nicht gewusst, wo kommen die Konzerte
her, wie kommt es hierzu und dazu. Heute gibt es Städte, da
weiß ich: Jedes Plakat, das hier hängt, habe ich selber
aufgehängt. Ich mache jetzt alles selber: mein Management, mein
Booking. Dann freue ich mich natürlich umso mehr, wenn ein
Laden ausverkauft ist.
In
den Neunzigern haben Sie dann mit englischsprachigen Songs
etwas ganz anderes gemacht. War diese Vereinnahmung durch die
Industrie ein Grund dafür?
Nein, gar nicht. Das hatte damit
nichts zu tun. Ich wollte einfach nicht mehr so auf das
Deutsch-Singen reduziert werden. Ich hatte vier deutschsprachige
Alben gemacht, aber eben dann auch viele bluesige Sachen
gesungen. Deshalb sagte ich: „Leute, das geht nicht. Ich kann
hier nicht weiter. Mein Weg ist hier zu Ende.“ Ich wollte
etwas anderes machen. Ich bin eben in erster Linie Interpretin.
Nicht wie zum Beispiel Ulla Meinecke, die mit der Musik
ausschließlich ihre Texte transportiert. Bei mir ist es anders.
Ich möchte auch stilistisch nicht einsilbig fahren.
Sie
machen ja so viel. Was ist denn Ihr liebster Musikstil?
Da bevorzuge ich nichts. Ich
finde Country-Sachen oft ganz spannend, aber eben nicht nur.
Sie
stehen seit dreißig Jahren auf der Bühne. Da gibt es sicher
ergreifende Momente. Ich denke da ganz speziell an den Auftritt
beim Anti-WAA-Festival in Wackersdorf...
Allerdings!
...
vor 100.000 Zuschauern auf der Bühne. Ist das ein
Gänsehaut-Gefühl?
Das war der Wahnsinn! Das haben
wir ja alle nicht geglaubt, was da abgeht. Es war auch vorher
überhaupt nicht abzusehen, dass da so viele Leute kommen. Damit
hat doch niemand gerechnet, auch die Veranstalter nicht. Das war
gigantisch. Wir waren im Hotel und sind dann zu unserem Auftritt
gefahren und ... Wahnsinn! Man kam ja gar nicht mehr durch. Das
war irre. Wackersdorf war auf jeden Fall für mich ein absoluter
Höhepunkt in meiner Laufbahn. Das hatte von der ganzen Stimmung
her so etwas ... Jungfräuliches, wirklich. Es war ein
Mini-Woodstock. So viele Leute. Auch mit den Kollegen war es
nett. Einfach gigantisch. Waren Sie auch dort?
Ja.
Ich kann mich noch erinnern, wie Sie da oben standen, gegen
Abend, an die Stimmung, das Licht...
Genau. Sonntagabend um 18 Uhr
haben wir gespielt. Das weiß ich noch. Es war unglaublich
heiß. Ich hatte vor lauter Aufregung vorher eine halbe Flasche
Sekt getrunken. Danach bin ich von der Bühne gekommen und mir
war es so heiß, dass ich meinen Kopf ... (Anne Haigis
lacht.) Da stand so eine Tonne mit Eis und da habe ich
einfach mal mein Gesicht reingesteckt. (Anne Haigis lacht.) Es
war unglaublich heiß, aber wir waren natürlich auch wahnsinnig
aufgeregt. Obwohl ja schon am Samstag mit dem Wolfgang Niedecken
gesungen hatte und mit Wolf Maahn. Ich hatte also schon zwei Mal
vorher auf dieser Bühne gestanden. Aber an diesem Sonntagabend
um 18 Uhr... Das war ganz toll. Neulich habe ich mir auch den
Film noch mal angeguckt ... Unglaublich.
Heinz
König, der Helmbrechtser Kulturwelten-Macher, zeigt in seinem
Konzert-Vorspann auch immer einen kurzen Film von Ihnen. Das
könnte da gewesen sein.
Ist es auch! Den Ausschnitt
hatte ich ihm geschickt.
Die
Musik jener Zeit wird heute als „Polit- und
Befindlichkeitsrock“ verhöhnt. Können Sie das verstehen?
Also wirklich: Das finde ich
ganz blöd! Eine wirklich doofe Aussage. Damit kann ich nichts
anfangen. Es war eine super-geile Zeit. Das war doch toll.
Solchen Quatsch schreiben wohl irgendwelche Musikredakteure, die
nicht ertragen können, dass sie älter werden.
Das
stand im Feuilleton vom „Spiegel“...
Na und? Das können Sie ruhig
schreiben. Saublöd, wirklich. Außerdem: In einer bestimmten
Szene haben die Bands doch heute genauso eine Message wie
früher. Die haben doch auch was zu sagen. Also wenn Xavier
Naidoo und die Söhne Mannheims keine Message haben, dann weiß
ich auch nicht, oder? Und die vielen anderen Bands, die wir
teilweise wahrscheinlich gar nicht kennen. Auch Silbermond,
Juli, Wir sind Helden: Die machen doch keine belanglosen Texte.
Ich habe damals auch nichts Intelligenteres gesungen als die
jetzt. Ich habe auch keine politischen Texte gesungen. Es war
nur die Zeit, in der es viel mehr solche Veranstaltungen gab.
Aber ich habe nichts Politisches gesungen. Deshalb wurde ich ja
so gerne ins Fernsehen eingeladen, weil ich nicht so politisch
war. Eine Ina Deter haben die Programmmacher damals nicht gerne
genommen. Lächerlich, oder? Völlig lachhaft. Immer diese
Schubladen. Das mag ich gar nicht, damit kann ich nichts
anfangen.
Gibt es
neue Projekte, die Sie verwirklichen wollen?
Ich möchte eine neue CD
aufnehmen. Das ist mir Projekt genug. Das wird jetzt in Angriff
genommen.
Was
kommt da drauf? Wissen Sie das schon?
Vielleicht ein bisschen was
Deutsches, mal zwischendurch. Das kann man ja heutzutage alles
mixen. Ich lasse mich da auch nicht mehr einschränken. Es gibt
doch heutzutage diese Konzept-Alben gar nicht mehr. Ich muss das
nicht machen. Ich mache ein Album, weil die Leute nach dem
Konzert die CD kaufen möchten. Und die wollen das hören, was
ich auf der Bühne gesungen habe. Deshalb kann ich das schön
mischen: was Bluesiges, ruhig was Deutsches... Schaun mer mal,
was da zusammenkommt.
Das
letzte Blues-Album „Good Day For The Blues“ ist ja recht
erfolgreich gewesen.
Es wurde sehr gut angenommen,
doch. Mein Klientel sind ja die Leute von - sagen wir mal -
Mitte Dreißig aufwärts. Das Schöne ist ja, dass heute Leute
in meinem Alter, aber auch etwas jünger und etwas älter, alle
nicht so sind, wie unsere Eltern waren. Damals hat man doch ab
fünfzig nichts mehr gemacht. Jetzt geht man in Konzerte, immer
noch. Das hat diese Generation in ihrer Jugend gemacht, und sie
macht es weiter. Diese Generation hat ein ganz anderes
Bewusstsein gegenüber Musikern, die live spielen. Die Leute
gehen gerne in Konzerte. Und das ist super.
Für
das neue Album wird die Duo-Besetzung bleiben?
Ja. Ich spinne zwar manchmal ein
bisschen rum, aber: Ja. Neulich habe ich mal einen tollen Geiger
gehört und gedacht: Hmmm, das wär’ auch schön. Also Jens
und ich - und eine Geige noch dazu. Könnte schon sein, das ich
da ein bisschen was mache. Ich vermisse natürlich auch meine
anderen beiden Jungs, meinen Bassisten und meinen
Akkordeonspieler. Das war auch eine ganz tolle Besetzung. Aber:
Das Duo läuft jetzt gerade so gut. Wir müssen einfach mal
gucken...
Wie
ist eigentlich Ihr Kontakt mit den Helmbrechtser Kulturwelten zu
Stande gekommen?
Da habe ich Kontakt aufgenommen.
Sie
hatten davon gehört?
Ja, von meinem lieben Kollegen
Franz Benton. Der war ja schon zwei Mal hier. Der hat mir das
erzählt. Der Franz spielt heute übrigens in Coburg, das ist
doch gar nicht weit von hier, oder?
Unter
Musikern ist das Kulturwelten-Programm mittlerweile schon ein
kleiner Geheimtipp, oder?
Ja, alle sagen, hier ist es
super. Und es läuft ja auch total gut. Natürlich unterhält
man sich und guckt auch: Wo spielen die Kollegen? So kommt man
eben auf Dinge, die auch zu einem selber passen. Das ist das
Tolle am Internet: Da hat man heutzutage mit ein paar Klicks
alles da. Früher war das nicht so einfach. Da musste man erst
mal einen „Ansprechpartner“ suchen. Und rauszukriegen, an
wen man sich wenden muss, war oft richtig schwierig.
Dann
wünschen wir Alles Gute für heute Abend. Und wie es Ihnen
selbst in Helmbrechts gefallen hat, fragen wir dann hinterher.
Na super. Alles klar.
(Nach dem gut
zweieinhalbstündigen Konzert steht Anne Haigis auf der Bühne
des Textilmuseums, vor ihr huldigt ihr eine jubelnde Menge mit
stehenden Ovationen. Haigis strahlt: „Es war wunderschön bei
Euch“)
Das Gespräch führte Andrea
Herdegen.
|